ArchiFlop von Alessandro Biamonti

(Art)Books we love | ArchiFlop

Endlich schaffe ich mal wieder einen neuen #artbookfriday Beitrag. Es ist unfassbar wie aufwendig und stressig so ein Jobwechsel ist, wenn man ans andere Ende von Deutschland dafür zieht. Ebenso liegt mein berufsbegleitender Master in seinen letzten Zügen und eigentlich habe ich keine Zeit für gar nichts, gefühlt jedenfalls. Dabei stapeln sich hier schon die Bücher.

Deshalb gibt’s heute endlich mal wieder ein neues Buch, das ich schon vor einer Weile gelesen habe. Wunderbarerweise passt es jetzt ausgezeichnet zur Blogparade #visionengestalten von Platform München. Entdeckt habe ich den Aufruf durch Angelikas Artikel über die Zukunft der Kulturarbeit für den sie mich und einige andere interviewt hat. Bei der Blogparade geht es um die Frage wie wir unsere Zukunft gestalten wollen und das Buch, das ich Euch heute vorstelle, bietet dazu einige interessante Ideen und Denkansätze.

Auf den ersten Blick geht es bei „ArchiFlop. Gescheiterte Visionen“ um das genau Gegenteil der Blogparade, denn das Buch versammelt „die spektakulärsten Ruinen der modernen Architektur“. Doch der Autor, Alessandro Biamonti, sieht in gescheiterten Architekturen gerade die Möglichkeit neue Visionen für die Zukunft zu entwickeln. Doch dazu gleich mehr.

Das Buch ist ein Flexicover und hat eine ganz großartige Gestaltung, die von SOFAROBOTNIK in München stammt. Übrigens eins meiner absoluten Lieblingsbüros, wenn es um Buchdesign geht. Die verstehen ihr Handwerk! Der Innenteil greift das Gelb vom Cover auf, was mich erst abgeschreckt hat, aber am Ende war Schwarz auf Gelb besser zu lesen als gedacht.

Insgesamt beinhaltet das Buch vier große Kapitel, die durch die ursprünglichen Ideen der Bauwerke unterteilt werden: Es werden viele Tausende kommen, Es wird riesige Gewinne bringen, Sie werden es nicht bemerken und Sie werden sich bestens amüsieren. In jedem Kapitel werden sechs Bauprojekte vorgestellt, die aus den unterschiedlichsten Gründen gescheitert sind und sich in Asien, den Amerikas, Afrika und Europa befinden. Wirklich spannend, dass es kaum Unterschiede gibt. In jeder Kultur werden Architekturen ähnlich gedacht und es wird auf gleiche Weise gescheitert quasi.

Eine Weltkarte ist allen Kapiteln vorweg gestellt, damit man sich eine Vorstellung machen kann wo die Orte der Bauwerke zu finden sind. Das war auf jeden Fall sehr hilfreich. Darüber hinaus beginnt jedes Kapitel mit einer kurzen Einleitung, die erörtert was der Grundgedanke der Einteilung ist. „Es werden viele Tausende kommen“ zum Beispiel präsentiert fünf Projekte, die als Megastädte gedacht waren, aber nie oder von zu wenig Menschen bezogen worden sind und heute als urbane Wüsten zu Geisterstädten werden. Das sechste Projekt im Kapitel ist die Metrolinie Châtelet in Charleroi (Belgien), die niemals in Betrieb genommen wurde, da die ursprüngliche Bevölkerung in die Städte abgewandert ist, nachdem der Ort von der Stahlkrise in den 1980er-Jahren eingeholt wurde. Alle Projekte eint neben der Grundidee, dass die Natur sie mittlerweile zurückerobert. Besonders spannend fand ich neben der Metrolinie die chinesische Stadt Tianducheng, die eine exakte Kopie von Paris ist. Da sie jedoch nur durch eine mangelnde Infrastruktur auf sehr umständliche Weise zu erreichen ist und die Mieten gleichzeitig exorbitant hoch sind, zogen nur etwa 2000 Menschen in die Stadt. Heute ist sie vor allem ein Setting für Hochzeitsfotos. An diesen Beispielen zeigt sich auch ganz wunderbar, dass selbst in Zeiten von Wohnungsmangel in Ballungsräumen mehr getan muss als nur zu Bauen.

Jedes präsentierte Bauprojekt wird kurz vorgestellt und durch wissenswerte Informationen verschiedener Art ergänzt sowie mit diversen Aufnahmen gezeigt. Wollte ich das Buch ursprünglich nur, weil es unterhaltsam klang, bin ich am Ende völlig fasziniert hängen geblieben und hab es an einem Abend durchgelesen.

Alessandro Biamotti hat mich bereits in seiner Einleitung in seinen Bann gezogen und für die Idee begeistert, moderne Ruinen zu katalogisieren und daraus Visionen für unsere Zukunft zu entwickeln. Ganz leicht zugänglich sind seine Ausführungen allerdings nicht. Man merkt, dass er Professor für Design ist und ebenfalls, dass der Text aus dem Italienischen übersetzt wurde. Wenn man darüber hinwegsehen kann, hält man ein äußerst inspirierendes Buch in den Händen. Biamotti plädiert dafür jede Form des Scheiterns als Chance zu begreifen um in großen Dimensionen sogar ganze Gesellschaften neu zu denken. Jede Ruine präsentiert für ihn vor allem die Überreste eines Gedankens, der nicht weit genug oder gut genug durchdacht wurde. Für ihn sind dabei die modernen Ruinen besonders interessant, weil sie in direkter Beziehung zu unserer Kultur und aktuellen Lebensweise stehen. Sie bieten uns also völlig andere Denkanstöße als historische Ruinen, die vor allem Zeugnisse vergangener Kulturen sind. Er spart in seinen Ausführungen auch nicht an Beispielen wie dem Brutalismus der 1950er- oder dem Dekonstruktivismus der 1980er-Jahre, die für ihn auf positive Weise zeigen wie Architekturen für veränderte Denkweisen stehen und diese sichtbar in unsere gesellschaftliche Mitte tragen. Er plädiert dafür, dass wir uns jedoch insbesondere den gescheiterten Projekten zuwenden um sie in “anderen Szenarien neu zu denken”. Ein brillianter Text der einen richtig gut auf die dargestellten Projekte einstimmt, zu denen ich mir am liebsten direkt neue Lösungen ausgedacht hätte.

Beispielhaft stellt Biamotti ganz am Ende des Buches noch ein Projekt vor, dass er mit seinen Studenten für das Mailänder Torre Galfa entwickelt hat, das den leer stehenden Büroturm in einen vertikalen Stadtpark verwandeln würde. Dieses Ende finde ich nicht ganz gelungen, da es weder richtig erklärt wird noch realisiert wurde. An dieser Stelle hätte ich ein realisiertes Projekt interessanter gefunden. Der Grundgedanke, dass jedes Scheitern eine große Chance darstellt, hatte ich bis dahin auch so verstanden.

Auch wenn ich diese letzten vier Seiten zu dem Studentenprojekt nicht gebraucht hätte, kann ich das Buch jedem empfehlen, der sich für Architektur interessiert. Bei mir zieht es auf jeden Fall fest in die Bibliothek ein.

Blick ins Buch

ArchiFlop von Alessandro Biamonti ArchiFlop von Alessandro Biamonti ArchiFlop von Alessandro Biamonti ArchiFlop von Alessandro Biamonti ArchiFlop von Alessandro Biamonti

#artbook | ArchiFlop

#author | Alessandro Biamonti

#publisher | DVA

#language | German

#ISBN | 978-3-421-04053-4

#pages | 192

#published | 2017

you can get your copy from DVA.

 

Herzlichen Dank an den DVA Verlag für die kostenfreie Überlassung eines Rezensionsexemplars.

7 thoughts on “(Art)Books we love | ArchiFlop

  1. Das Buch klingt sehr interessant und auch die Bilder machen Lust, sich das Buch mal zu Herzen zu nehmen. Über Hashima bin ich gerade letzens im Internet drüber gestolpert. Die Insel sagte mir vorher gar nichts.
    Liebe Grüße, Melli

    Liked by 1 person

    1. Liebe Melli,
      Danke für deinen Kommentar. Das Buch ist echt super interessant. Ich hatte auch nur von ein oder zwei Orte gehört und war am Ende total überrascht. Kann ich echt nur empfehlen 🙂
      Liebe Grüße
      Michelle

      Liked by 1 person

  2. Spannendes Thema und Deine Rezension macht Lust aufs lesen. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie solche Projekte entstehen – immerhin muss ja am Anfang der Gedanke, die Überzeugung der Politiker, die Mittel und die Durchführung gestanden haben. Aber dann doch irgendwie an der Seele des normalen Bürgers vorbei. Ob bald der neue Berliner Flughafen auch zu so einer modernen Ruine dazu gehören wird?!

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    1. Liebe Zenaida,
      an den BER hab ich noch gar nicht gedacht. Ja der wäre sicher ein Kandidat für eine weitere Auflage. Ehrlich gesagt war ich wirklich überrascht, dass anscheinend auf der ganzen Welt irgendwelche Bauwerke geplant werden ohne die, die sie nutzen sollen miteinzubeziehen. Lustigerweise gibt es um diese Orte jedoch heute auch eine neue Form des Tourismus. An manchen werden zum Beispiel Touren angeboten. Hatte noch keine Zeit mich intensiv mit den Webseiten dazu auseinanderzusetzen, aber das ist auch noch ein spannender Aspekt dieses Themas.
      Liebe Grüße
      Michelle

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  3. Liebe Michelle,
    vielen Dank für deine Beitrag und den Input zu unserer Blogparade.
    In unserer neuen Publikation haben wir auch Architekten interviewt und uns mit Architektur-Beispielen auseinandergesetzt – natürlich unter einem anderen Geschichtspunkt. Umso interessanter ist das von dir vorgestellte Buch und du und der Autor haben vollkommen Recht: aus gescheiterten Architekturen können neue Visionen für die Zukunft gestaltet werden.
    Liebe Grüße aus der PLATFORM von der Clara und vielen Dank für den Buch-Tipp!

    Liked by 1 person

    1. Liebe Clara,
      Danke für deinen Kommentar und die anregende Blogparade. Das hat wirklich gut zusammen gepasst. Architektur ist wirklich ein spannender Spiegel unserer Zeit.

      Viele Grüße
      Michelle

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