#kunsthallensommer | Barocker Foodporn

This post is an article for the German museum ‘Kunsthalle Karlsruhe’ and their summer event ‘Kunsthallensommer’. As this is a German event I decided to write this article in German exceptionally. The next articles coming up will be in English again.

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Die Kunsthalle Karlsruhe hat sich dieses Jahr etwas Besonderes für das Sommerloch August einfallen lassen. 4 Wochen – 4 Themen – und ein ganz spezielles Programm für die Besucher: Der Kunsthallensommer. Was die Macher sich dabei gedacht haben, hat Isabel Koch von der Kunsthalle auf dem Blog von Tanja Praske zusammengefasst.  Das ganze wird von einer Online-Kampagne begleitet, die auf mehreren Plattformen stattfindet. Teil des Kunsthallensommers sind auch Beiträge verschiedener Blogger zu den einzelnen Themen. Anke zum Beispiel hat letzte Woche einen charmanten Artikel über Pariser Kaffeehausszenen geschrieben.

Diese Woche heißt das Thema „Barock – Carpe Diem!“. Tja und jetzt bin ich dran. Vor einiger Zeit hat Isabel mich darauf angesprochen, ob eines der vier Themen interessant für mich wäre. Und tatsächlich bin ich heimlich ganz vernarrt in Barock-Kunst. Jeder, der mich als leidenschaftlichen Fan zeitgenössischer Kunst erlebt hat, mag das befremdlich finden, aber die Barock-Epoche hat mich mein Studium lang begleitet und hat am Ende sogar den Hauptteil desselben ausgemacht. Das war damals Zufall und trotzdem ist mir meine Begeisterung geblieben. Es ist schwierig von dem Barock zu sprechen, lange wurde das abfällig von Kunsthistorikern getan. Die Epoche war verpönt und erlebte erst im 20. Jahrhundert eine regelrechte Forschungsrenaissance. Bis heute gibt es trotzdem viele Aspekte, die noch beleuchtet werden sollten.

Da dieser Artikel natürlich einen Bezug zu Karlsruhe hat, geht es heute um ein Thema das aktueller denn je ist: Foodporn. Trendforscher nennen es ein Phänomen unserer Zeit, dass vor allem mit Instagram in Verbindung gebracht wird. Kein Wunder bei mehr als 90 Millionen Bilder unter dem Hashtag dort. Unlängst stellte Anika Meier die aktuellen Trends in diesem Bereich bei der Monopol vor.

Ich würde behaupten die Barock-Epoche ist die Wiege des Foodporn. Glücklicherweise hat die Kunsthalle Karlsruhe eine ganze Reihe an Schätzen dazu in ihrer Sammlung. Aber eins nachdem anderen 😉

Die Barock-Epoche

Es ist unmöglich in einem einzelnen Blogartikel darzulegen, was in der Epoche eigentlich alles passiert ist. Sie begann um 1600 und endete etwa 1750. Es handelt sich zugleich um die letzte Kunstepoche, die ganz Europa erfasste. Dabei war diese Zeit so vielfältig und hat so viele großartige Künstler und Baumeister hervorgebracht, dass ich kaum weiß, wo ich anfangen soll. Am Ende des Artikels gibt es deshalb noch eine kleine Liste mit Buchempfehlungen für alle die Lust haben, sich ausführlich mit der Zeit auseinanderzusetzen.

Das Jahrhundert war geprägt von Gegensätzen, die größer kaum sein könnten. Auf der einen Seite tobten verheerende Kriege, die die Bevölkerung in teils unglaublicher Not zurückließen und für politische Instabilität sorgten, auf der anderen Seite gab es einen immensen Wohlstand an den Höfen, erste Kunstakademien wurden gegründet und Kunst diente vielerorts vor allem als Instrument herrschaftlicher Selbstinszenierung.

Die Wurzeln der barocken Plastik und Architektur liegen in Rom. In diesem Zusammenhang ist vor allem das Allround-Talent Gianlorenzo Bernini zu nennen, der die Entwicklung barocker Bauweise und Skulptur wie kein anderer prägte. Er wurde bereits mit 22 Jahren als Wunderkind der Kunst gefeiert und vom Papst geadelt.

Die Gründung der Barockmalerei wird vor allem mit den Künstlern Caravaggio und Carracci verbunden, da sie ganze Malergenerationen nachhaltig beeinflusst haben.

Die Blüte des Barocks in Spanien und den Niederlanden wird heute Goldenes Zeitalter genannt. Als spanischer Meister ist Diego Velázques bekannt. Er wurde mit nur 23 Jahren Hofmaler in Madrid. In Flandern schuf Peter Paul Rubens sein Lebenswerk, der sicher vielen Menschen bis heute ein Begriff ist. Er unterhielt in Antwerpen die wohl größte Künstlerwerkstatt seiner Zeit. Die Ausbildungsplätze dort waren auf Jahre im Voraus vergeben. Antwerpen war zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine der reichsten Städte Europas und somit ein perfekter Ort, um Kunst zu verkaufen. Hier kaufte Adel, Bürgertum und sogar die handwerklichen Gilden Kunst. Insbesondere hier fand eine Spezialisierung auf profane Bildthemen statt, wie Landschaften, Portraits und eben Stillleben.

Frans Snyders vor 1579 - 1657, Küchenstillleben, Inv. 1922, Kunsthalle Karlsruhe
Frans Snyders
vor 1579 – 1657, Küchenstillleben, Inv. 1922, Kunsthalle Karlsruhe

Das barocke Stillleben

Ein vollkommenes Gemälde, ist wie ein Spiegel der Natur, welcher Dinge, die nicht vorhanden sind, vorhanden erscheinen lässt und der auf erlaubte, ergötzliche und rühmenswerte Weise betrügt.

(Samuel van Hoogstraten, Inleyding tot de Hooge Schoole der Schilderkunst, 1678)

Das barocke Stillleben markiert einen entscheidenden Zeitpunkt der Bildgattungsentwicklung des Stilllebens in der Kunstgeschichte, die bei den Mosaiken römischer Speisebilder beginnt und sich heute in zeitgenössischen Arbeiten wie denen von Daniel Spoerri fortsetzt. Fast alle großen Künstler der Moderne haben übrigens mindestens ein Stillleben gemalt.

Beim Wort “Stillleben” hat sicher jeder von uns eine eigene Assoziation in der verschiedene Dinge wie Blumen, Tiere oder Totenschädel drin vorkommen. Doch was bedeutet eigentlich Stillleben? Die Bezeichnung “stilleven” ist das erste Mal für das Jahr 1650 belegt und taucht in einem holländischen Inventar auf. In der Folgezeit verbreitet es sich und erhält etwa im 18. Jahrhundert Einzug in die deutsche Sprache. Im Prinzip bedeutet es einfach, das Malen von Dingen, die still stehen. Es geht also nicht um eine Handlung oder eine Bewegung.

Trotz allem spielt Zeit eine große Rolle in Stillleben. Blumen verwelken, Früchte sind überreif, Gegenstände sind gealtert oder beschädigt. Mahlzeiten sind angerichtet. Stillleben erwecken oft den Eindruck besonder realistisch zu sein. Jedoch steckt in vielen eine feine Täuschung des Betrachters. Blumen und Früchte verschiedener Jahre treffen sich hier lange bevor es das heutige Supermarkt-System gibt. Riesige Blumensträuße stecken in winzigen Vasen. Gerichte, die noch nicht einmal zusammen auf einer Tafel gestanden hätten, liegen auf dem gleichen Teller. Luxusobjekte treffen auf ordinäre Gerätschaften. Jedes Stillleben ist deshalb auf seine ganz eigene Art eine extrem spannende Angelegenheit.

Damit haben Stillleben von damals viel mit dem heutigen Foodporn gemein, den Menschen in den sozialen Netzwerken teilen. Hier wird in der Regel Essen aufwendig inszeniert für ein perfektes Foto. Gerne darf es auch eine ganze Tafel sein. Hauptsache das Foto funktioniert. Ob das Essen geschmeckt hat? Nebensache.

Dieser Trend ist also keineswegs besonders neu oder innovativ. Aber was war der Zweck eines Stilllebens früher? Barocke Stillleben waren meist nicht für eine feste Anbringung vorgesehen und dementsprechend kommen sie vor allem in handlichen, transportablen Formaten daher. Viele Maler fertigten sie direkt auf Vorrat, weil sie so gefragt waren und spezialisierten sich auf bestimmte Themen. Die Konkurrenz war riesig und die meisten Maler wurden keineswegs reich mit ihrer Tätigkeit. Und auch damals gab es unterschiedliche Trendwellen. So sind zwischen 1630 und 1645 die “monochromen banketjes” in Holland besonders angesagt. Diese zeigten schlichte, einfache Mahlzeiten.

Darüber hinaus waren Stillleben durch den Trend extrem günstig zu haben und wurden auch von Bürgern erworben und nicht nur von royalen Auftraggebern wie das bei vielen anderen Bildgattungen der Fall war. Das Stillleben boomte sozusagen in ganz Europa. Historische Inventare belegen, dass Stillleben vor allem in Salons, Speisezimmern und öffentlichen Repräsentationsräumen aufgehängt wurden. Die Menschen wollten also schon vor anderen damit angeben. Wieder eine Gemeinsamkeit zu den Bildern heute.

Die Kunsthalle Karlsruhe hat übrigens eine ganze Reihe von wahren Schätzen des Barock in ihrer Sammlung, die einen Besuch absolut lohnenswert machen.

Jan Davidsz. de Heem 1606 - 1684, Frühstücksstillleben, Inv. 363, Kunsthalle Karlsruhe
Jan Davidsz. de Heem
1606 – 1684, Frühstücksstillleben, Inv. 363, Kunsthalle Karlsruhe
Jan Davidsz. de Heem 1606 - 1684, Fruchtstillleben mit gefülltem Weinglas, Inv. 362, Kunsthalle Karlsruhe
Jan Davidsz. de Heem
1606 – 1684, Fruchtstillleben mit gefülltem Weinglas, Inv. 362, Kunsthalle Karlsruhe
Jan Davidsz. de Heem 1606 - 1684, Girlande von Blumen und Früchten, Inv. 361, Kunsthalle Karlsruhe
Jan Davidsz. de Heem
1606 – 1684, Girlande von Blumen und Früchten, Inv. 361, Kunsthalle Karlsruhe
Clara Peeters 1589 ? - 1657 ?, Stillleben mit Blumen und Goldpokalen, Inv. 2222, Kunsthalle Karlsruhe
Clara Peeters
1589 ? – 1657 ?, Stillleben mit Blumen und Goldpokalen, Inv. 2222, Kunsthalle Karlsruhe
Willem Claesz. Heda 1594 - 1680, Frühstücksstillleben, Inv. 356, Kunsthalle Karlsruhe
Willem Claesz. Heda
1594 – 1680, Frühstücksstillleben, Inv. 356, Kunsthalle Karlsruhe

Barocke Gelage

Die Epoche des Barock war eine des Wohlstands und des Überflusses für den Adel und das gehobene Bürgertum. Dies zeigt sich auch in der Festkultur, gegen die jede Party von heute einstecken kann. Es wurden prunkvolle Bankette gefeiert, die sich teils über Tage oder sogar Wochen hinzogen und bei denen in verschwenderischer Vergnügunssucht die Staatskasse auch schon mal verschuldet wurde. Neben den üppigen Gängen gab es auch so genannte Schaugänge, die zum reinen Vergnügen aufgetragen wurden und nicht zum Essen bestimmt waren. Liebende Schwanenpaare, radschlagende Pfauen und ähnliches, die skulptural angerichtet waren, gehörten dazu. Essen wurde also nicht nur auf den Bildern zelebriert und gezeigt, sondern erfüllte selbst auf dem Tisch den Zweck zu zeigen was man hatte und sich leisten konnte.

Bereits ganz früh wurden handschriftliche Kochrezepte und Kräuteraufzeichnungen gesammelt, die nach der Erfindung der Buchdruckkunst zusammengetragen und von mehreren Fürsten in Druck gegeben wurden. In der Barockzeit entstehen also auch erste Kochbücher, die damals von Küchenmeistern verfasst wurden. Wer sich mal an den aufwendigen Gerichten der Zeit versuchen möchte, dem kann ich das Buch “Barocke Küchenfreuden” (978-3475531446) empfehlen.

#kunsthallenstill | Dein Stillleben auf Instagram

Stillleben

Passend zum Kunsthallensommer gibt es noch eine schöne Aktion der Kunsthalle in den sozialen Netzwerken. Wer sich von den barocken Stillleben inspiriert fühlt, kann ein ganz eigenes kreieren und mit dem Hashtag #kunsthallenstill teilen. Mitmachen kann man bis zum 30. August.

Buchempfehlungen

J. Berger Hochstrasser: Still Life and Trade in the Dutch Golden Age, London 2007.

S. Ebert-Schifferer: Die Geschichte des Stilllebens, München 1998.

E. H. Gombrich: Das Stillleben in der europäischen Kunst, Frankfurt a.M. 1978.

S. Schama: Überfluss und schöner Schein. Zur Kultur der Niederlande im Goldenen Zeitalter, München 1988.

S. Burbaum: Kunst-Epochen. Barock, Stuttgart 2003.

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